Loslassen lernen – warum dich Festhalten mehr Kraft kostet, als du glaubst
Loslassen lernen verbinden wir häufig mit Verlust. Dabei kann genau das Gegenteil entstehen: Freiheit, Präsenz und Raum für etwas Neues. Ich habe selbst lange gebraucht, um zu verstehen, dass wir nicht nur an schmerzhaften Erfahrungen festhalten, sondern manchmal sogar an den schönsten Kapiteln unseres Lebens. Entscheidend ist nicht, ob die Vergangenheit schön oder schmerzhaft war. Entscheidend ist, ob du noch dort lebst, obwohl dein Leben längst weitergegangen ist.
Ich war nicht nur Weltmeisterin im Tanzen
Wenn ich ehrlich bin, war ich lange Zeit auch ziemlich gut im Festhalten 😉
Und zwar nicht nur an Dingen, die wehgetan haben.
Ich habe sehr lange an einem der schönsten Kapitel meines Lebens festgehalten:
Meiner Zeit als Tänzerin.
11 Jahre Turniersport, Reisen, Training, unglaubliche Emotionen und schließlich der Weltmeistertitel. Natürlich erinnere ich mich gerne daran. Und selbstverständlich kann eine schöne Erinnerung auch heute noch meine Stimmung verändern.
Warum auch nicht?
Schwierig wird es erst, wenn wir uns in der Erinnerung wohler fühlen als in dem Leben, das gerade tatsächlich stattfindet.
Genau das ist mir passiert.
Ich hatte bereits meine 2 Söhne bekommen, die ich über alles auf der Welt liebe. Doch mein Leben hatte trotzdem längst ein neues Kapitel aufgeschlagen, aber innerlich war ich dort noch gar nicht richtig angekommen.
Denn in meinem Privatleben lief einiges nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Statt wirklich hinzusehen und für mich zu sagen: „STOP!“ Ging ich gedanklich immer wieder zurück in meine Tanzwelt. In meinem Kopf liefen regelrechte Filme ab, mit all den Erfolgen und Gefühlen, die damit verbunden waren.
Das tat zunächst gut.
Aber es hatte auch einen Preis.
Ich erinnerte mich an mein Leben, statt mein Leben zu leben.
Während ich gedanklich immer wieder zurückging, bemerkte ich viel zu spät, dass mein gegenwärtiges Leben an einigen Stellen überhaupt nicht zu mir passte.
Das ist für mich heute eine wichtige Erkenntnis:

Auch etwas Wunderschönes darf irgendwann ein abgeschlossenes Kapitel sein.
Nicht, weil es weniger wertvoll wird.
Sondern weil das nächste Kapitel bereits begonnen hat.
„Du musst einfach loslassen!“ – ja, schönen dank auch.
Kennst du diesen Satz?
Du bist emotional völlig am Boden, eine Beziehung ist zerbrochen, du wurdest verletzt oder etwas in deinem Leben läuft gerade überhaupt nicht so, wie du es dir vorgestellt hast.
Und dann kommt jemand:
„Du musst einfach loslassen.“
Ach was…
Danke!
Als wäre dir das selbst noch nicht eingefallen.
Ganz ehrlich: So ein Satz kann mich auf die Palme bringen!
Denn meistens willst du ja loslassen.
Du möchtest nicht morgens schon wieder mit diesem Gedanken aufwachen. Du möchtest nicht zum 127. Mal dasselbe Gespräch in deinem Kopf führen und auch nicht ständig wütend, traurig oder enttäuscht sein.
Aber wie?
Vielleicht ist genau das Wort Loslassen für viele Menschen schon negativ besetzt.
Oh Gott, ich muss loslassen.
Und sofort entsteht das Gefühl:
Dann verliere ich etwas.
Einen Menschen.
Eine Beziehung.
Eine Erinnerung.
Eine Hoffnung.
Einen Traum.
Vielleicht sollten wir deshalb eine völlig andere Frage stellen.
Nicht:
Was verliere ich, wenn ich loslasse?
Sondern:
Was gewinne ich, wenn ich loslasse?
Diese Frage verändert für mich alles.
Vielleicht gewinnst du Energie.
Vielleicht Ruhe.
Vielleicht Klarheit.
Vielleicht wieder einen Blick für das, was längst vor dir liegt.
Vielleicht gewinnst du sogar Nähe.
Und ganz sicher gewinnst du etwas zurück, das unglaublich kostbar ist:
den gegenwärtigen Moment.
Denn genau dort findet dein Leben statt.
Loslassen bedeutet nicht vergessen
Wir müssen unsere Vergangenheit nicht wegradieren.
Das geht sowieso nicht.
Sie gehört zu uns. Die schönen Kapitel genauso wie die schmerzhaften.
Loslassen bedeutet für mich deshalb nicht:
Ich darf nicht mehr daran denken.
Es bedeutet:
Ich darf mich erinnern, ohne dort leben zu müssen.
Und das gilt genauso für unsere Zukunft.
Denn wir können nicht nur Sklave unserer Vergangenheit werden. Wir können uns auch in einer Zukunft verlieren, die überhaupt noch nicht existiert.
Wenn ich erst diesen Job habe, dann …
Wenn ich den richtigen Partner gefunden habe …
Wenn ich endlich genug Geld verdiene …
Wenn das alles vorbei ist …
Dann werde ich glücklich.
Dann werde ich frei.
Dann fängt mein Leben an.
Und während wir darauf warten, passiert etwas Absurdes:
Unser Leben findet bereits statt!
Wir sind nur nicht richtig da.
Die Vergangenheit existiert als Erinnerung. Die Zukunft als Vorstellung.
Handeln kannst du nur jetzt!

Lass ihn. Lass sie.
Loslassen bekommt für mich noch eine ganz andere Bedeutung, wenn es um Beziehungen geht.
Lass ihn.
Lass sie.
Damit meine ich nicht:
„Ach, dann soll er doch gehen. Ist mir doch egal.“
Ganz im Gegenteil.
Vielleicht bedeutet jemanden loszulassen:
Ich lasse dich du sein. Und ich lasse mich ich sein.
Ich höre auf, dich festzuhalten, dich verändern zu wollen oder permanent dafür zu sorgen, dass du dich so verhältst, wie ich es brauche, damit es mir gut geht.
Denn was passiert, wenn du etwas mit aller Kraft festhältst?
Es entsteht Druck.
Und auf Druck entsteht häufig Gegendruck.
Das kennen wir doch alle…
Je mehr jemand von uns etwas will, desto größer wird manchmal unser Bedürfnis, genau das Gegenteil zu tun oder Abstand zu gewinnen.
In Beziehungen kann es genauso sein.
Wir wollen unbedingt Nähe und beginnen, den anderen festzuhalten. Wir wollen Sicherheit und beginnen zu kontrollieren. Wir haben Angst, jemanden zu verlieren und erzeugen ausgerechnet dadurch so viel Druck, dass wirkliche Nähe immer schwieriger wird.
Vielleicht kann Loslassen deshalb sogar etwas schaffen, das Festhalten verhindert:
Raum für echte Nähe.
Nicht weil mir der andere egal ist.
Sondern weil ich ihn sein lasse.
Und mich auch.
Festhalten ist wie ein Glas Wasser
Für mich gibt es ein sehr einfaches Bild dafür.
Nimm ein kleines Glas Wasser und halte es mit ausgestrecktem Arm.
Am Anfang ist es leicht.
Nach einigen Minuten wird dein Arm schwer. Irgendwann zieht die Schulter und irgendwann möchtest du dieses verdammte Glas einfach nur noch abstellen.
Dabei ist das Glas kein Gramm schwerer geworden.
Nicht das Gewicht ist das Problem. Die Dauer des Festhaltens macht es schwer.
Genauso können wir Menschen, Gedanken, Verletzungen, Erwartungen und nicht getroffene Entscheidungen festhalten.
Eine Stunde.
Ein Jahr.
Zwanzig Jahre.
Und irgendwann wundern wir uns, warum wir so erschöpft sind.
Vielleicht ist gar nicht alles, was dich erschöpft, in deinem heutigen Leben zu finden.
Vielleicht trägst du einfach noch verdammt viele alte Taschen.

Ich stand in einer neuen Runde – und war gedanklich noch in der alten
Eine Situation aus meiner Tanzkarriere werde ich nie vergessen.
Bei einer Deutschen Meisterschaft blieb ich während des Tanzens mit dem Absatz meines Schuhs in meinem Kleid hängen.
Richtig hängen.
Ich kam aus dem Gleichgewicht und berührte kurz das Parkett.
Schock!
Bei einer Deutschen Meisterschaft!
Und natürlich dachte ich sofort: Das hat jeder gesehen.
Trotzdem war ich innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde wieder da und tanzte weiter.
Dann kam die nächste – der Zwischen-Runde.
Ich stand am Rand der Fläche und wartete auf unseren Aufruf.
Und plötzlich war alles wieder da!
Der Absatz. Das Kleid. Das Parkett. Die Panik.
Mein Körper stand vor der nächsten Runde – Mein Kopf war noch in der letzten.
In diesem Moment wusste ich: Wenn ich das jetzt nicht loslasse, nehme ich meine Vergangenheit mit auf die Tanzfläche.
Also habe ich mich gestoppt. Nicht mit dem Gedanken: Falle nicht wieder hin. Oder pass auf, dass du nicht wieder hinfällst.
Stopp!
Neue Runde. Diese Runde habe ich noch nie getanzt!
Was gerade passiert ist, hat mit dem, was jetzt kommt, nichts zu tun.
Und als ich auf die Fläche ging, war ich wieder da.
Vollkommen da – im gegenwärtigen Moment. Nämlich in diesem Moment mit neuen Möglichkeiten.
Heute finde ich diese Situation fast symbolisch.
Denn wie oft stehen wir längst in einer neuen Runde unseres Lebens und spielen innerlich noch die alte?
Das Neue beginnt nicht irgendwann
Manchmal denken wir:
Wenn das Neue da ist, kann ich endlich das Alte loslassen.
Vielleicht funktioniert es genau andersherum.
Vielleicht entsteht das Neue in dem Moment, in dem du aufhörst, das Alte mit aller Kraft festzuhalten.
Du musst dabei nicht alles vergessen.
Du musst nichts schönreden.
Und du musst auch nicht so tun, als hätte es nicht wehgetan.
Aber irgendwann darfst du dich fragen:
Wie lange möchte ich dieser Geschichte noch meine Energie geben?
Vor über 20 Jahren nach meiner eigenen Trennung und letztendlichen Scheidung habe ich lange festgehalten. Ich war wütend, traurig, fühlte mich verletzt, übergangen und betrogen. Vergebung wurde für mich irgendwann zu einem wichtigen Teil dieses Loslassens.
Diese Gefühle durften da sein. Aber irgendwann durfte auch etwas anderes da sein:
Es reicht!
Nicht im Sinne von: Ab heute fühle ich nichts mehr.
Sondern:
Ich möchte nicht mehr, dass das mein Leben führt!
Genau dort beginnt für mich Loslassen lernen.
Vielleicht musst du gar nichts loslassen.
Vielleicht müssen wir sogar diesen Satz verändern.
Du musst nicht loslassen.
Du darfst.
Und vielleicht musst du heute auch noch gar nichts tun.
Vielleicht reicht es, einmal ehrlich hinzusehen:
Wo halte ich noch fest?
An einem Menschen?
An einer Verletzung?
An einem Erfolg?
An einer Vorstellung davon, wie mein Leben hätte sein sollen?
Oder sogar an einer Vorstellung davon, wie meine Zukunft unbedingt werden muss?
Und dann stell dir nicht zuerst die Frage:
Was verliere ich, wenn ich das loslasse?
Frag dich:
Was könnte ich gewinnen?
Mehr Freiheit?
Mehr Energie?
Mehr Nähe?
Mehr Leichtigkeit?
Mehr von mir?
Vielleicht bedeutet Loslassen lernen am Ende gar nicht, etwas wegzugeben.
Vielleicht bedeutet es, etwas zurückzubekommen.
Deine Aufmerksamkeit. Deine Kraft. Deine Freiheit.
Und vor allem:
Dein Leben im gegenwärtigen Moment.
Heute kann ich mit Ehrfurcht auf meine Tanzkarriere zurückblicken und sie lieben, ohne dort leben zu wollen. Das Gleiche gilt für schmerzhafte Kapitel meines Lebens: Ich kann auf sie zurückblicken, ohne sie ungeschehen machen zu müssen.
Ich kann von meiner Zukunft träumen, ohne darauf zu warten, dass sie mich irgendwann glücklich macht.
Vergangenheit und Zukunft dürfen da sein.
Aber leben möchte ich hier.
Jetzt!
Denn vielleicht beginnt genau dort das wirklich Neue.
Was möchtest du nicht länger dein Leben führen lassen?
Loslassen ist manchmal leichter gesagt als gelebt. Zu erkennen, woran du festhältst, ist das eine. Deine Aufmerksamkeit wieder auf dich, dein Leben und das zu richten, was heute möglich ist, ist etwas anderes.
Wenn du spürst, dass alte Geschichten und Muster nicht länger dein Heute bestimmen sollen und du dir dabei eine persönliche Begleitung wünschst, dann erfahre mehr über meinen Weg:
Manchmal braucht Loslassen aber auch einen anderen Raum. Abstand vom Alltag, Natur, Gemeinschaft und Erfahrungen, die Veränderung nicht nur im Kopf stattfinden lassen.
In meinen Retreats und Workshops kann dabei auch das Feuer eine besondere Rolle spielen. Für mich steht der Feuerlauf für Loslassen und gelebte Transformation: Du entscheidest bewusst, etwas Altes zurückzulassen, überschreitest eine Grenze und erlebst unmittelbar, was möglich wird, wenn du wirklich losgehst.
Du denkst nicht nur über Veränderung nach. Du gehst hindurch.
Wenn du dir einen solchen Raum schenken und Veränderung auf eine andere Weise erleben möchtest:
Bleib neugierig auf dich und das, was für dich möglich ist.
Deine Eva
